Die traurige Ballade vom Waffengang zu Barcelona
Die traurige Ballade vom Waffengang zu Barcelona
von Jens Schäfer, Barcelona
Im zehnten Jahr nach Phillips Tod
Erklomm mit wucht’ger Stärke,
Ein Rittervolk im Abendrot
Der Pyrenäen Berge.
Zuvörderst ritt auf weissem Ross
Der treffliche Iskander.
Ihm treu ergeben war sein Tross
— die Recken miteinander.
Sie folgen ihm auf garst’gem Steg,
Weit über Moor und Heide.
Auf dass Iskander allerweg
Kein Ungemach erleide.
Und huldreich dieser jenen dankt,
Die ihn mit Schutz versehen,
Mit Wein, der hell im Becher rankt,
Nebst Damast, Gold und Lehen.
Kein Treuer, so denkt sich der Held,
Wird mich jemals verraten.
Gleichwohl, es lenkt das schnöde Geld.
Auch eines Freundes Taten.
Und bisher war’s ein Freunde Hort,
Ich darf’s niemals vergessen.
Sie brauchen des Gebieters Wort
Und täglich was zu fressen…
So reiten sie nach Spaniens Strand.
Manch Ross verspürt’ die Sporen.
Und landen nächtens unerkannt
Vor Barcelonas Toren.
Sag uns Iskander, was wird jetzt!?
Tönt’s aus der Recken Kreise.
Trägst das Geheimnis bis zuletzt.
Was ist der Sinn der Reise?
Der Held spricht leise in die Rund:
Ich sag’s Euch unumwunden,
Bisher verschwieg ich euch den Grund
Bis wir das Ziel gefunden.
Zu viele Lauscher gibt’s am Weg,
—obskur, vom Feind gedungen.
Sie plaudern aus den kühnen Plan
Noch eh der Sieg errungen.
Doch Euch, Ihr Treuen, sag ich gleich
Was ich im Schilde habe:
Erobern will ich dieses Reich,
Nebst einer holden Gabe.
Und lächelnd flüstert er kokett:
Es wohnt ein Weib dort drinnen.
Bin hässlich nicht und es wär’ nett,
Wenn ich es könnt’ gewinnen.
Sie ist liebreizend allemal,
Pretios, die schmalen Glieder
Und zart verborgen ruht ein Gral
In ihrem weißen Mieder.
So manche Zähre weint’ ich schon
Ich kann es nicht erwarten—
Für Euch das Gold, für mich als Lohn
Der holden Jungfrau Garten.
Doch zwischen ihr und mir steht der,
Den es gilt auszubahnen,
—Jaume der Eroberer,
Der Graf der Katalanen.
Drum bitt’ ich euch, seid nicht verzagt.
Lasst eure Schwerter sprechen,
Um morgen früh, bevor es tagt
Den Schutzwall aufzubrechen.
Lasst rennen uns auf jenen Berg,
Der vorn am Meer sich hebet.
Wo hinter dickstem Mauerwerk
Die Herrschergilde lebet.
Im Morgenrot wollen wir im Streich
Erobern ohne Gnade,
Des finst’ren Katalanen Reich
An Mittelmeers Gestade.
Ich hoffe nur auf euer Wort,
Das eure Treu gebieret.
Und schwören müsst Ihr mir vor Ort,
Dass keiner räsonieret.
So schwören alle auf das Schwert
Des trefflichen Iskander.
Wenn’s Leben hin zum Tod sich kehrt,
Verlören Sie’s mit’nander.
Wohlan, doch vorher lasst uns ruh’n,
Die Reise war beschwerlich.
Bald gibt es viel für uns zu tun.
Es ist kein Mann entbehrlich.
Bald schlafen alle tief und fest
Am Fuße jenes Baumes.
Die Nacht hat nur noch einen Rest
Und der ist voll des Traumes.
Doch weh—aus Schläfers Mitte steht
Ganz heimlich ein Verräter,
Knöpft eng den Mantel um und geht,
Um Kund’ zu tun von später.
An Jaumes Tore klopft verstohl’n
Der ehrverlor’ne Scherge,
Auf dass sie ihn nach drinnen hol’n,
Samt seinem üblen Werke.
Als man ihn derb zum Herrscher bringt,
Vor dessen kalte Blicke,
Geschieht es, dass der Vogel singt.
Da gibt es kein Zurücke.
Bin aus Iskanders Reckenschar,
Doch müd’, ihn anzubeten.
Hätt gern ein warmes Bett und bar
Ein Säckchen voll Peseten.
Ich sag euch, ihr seid allesamt
Bald im Montjuic gefangen,
Wenn er der Festung Tore rammt,
Sobald die Nacht vergangen.
Ihm dürstet nicht nur nach dem Reich
—nimmt auch die zarten Lenden
Von eurer Tochter, engelsgleich,
Mit seinen starken Händen...
Schweig Judas!!—ruft der Katalan
Voll Ingrimm und Getöse
Und schüttelt ihn ganz wie im Wahn,
Und wird erst richtig böse.
Ein willfähriger Knecht willst’ sein,
Mit einem warmen Bette?
Wirst meucheln mich am Wegesrain
Drauf halt’ ich jede Wette.
Sei ohne Furcht, den du verrätst,
Den werden wir empfangen.
Doch eh du in der Hölle brätst,
Wirst du hier aufgehangen.
An schrägem Dache höchsten First
Hängt alsbald der Genosse,
Und als das Augenlicht ihm birst,
Besattelt man die Rosse.
Neunhundert Krieger stellt man auf,
Das Dreifache der Recken,
Die grade nach des Mondes Lauf
Sich vor den Toren wecken.
Beschwörend treibt der lichte Held
Die Seinen noch zu Taten.
Doch es ist schlecht um sie bestellt:
Die List wurde verraten.
Was nützt Iskanders Tollkühnheit?
Was nützt der Schlich im Dunkeln?
Wenn and’rerseits nicht allzu weit
Im Dickicht Häscher munkeln.
Ein Hinterhalt, ein Metzelspuk,
Und als die Sonn’ steht oben,
Da war Iskanders Reckenzug
Das Lebenslicht entstoben.
(Leise…
Im zehnten Jahr nach Phillips Tod
Erklomm mit wucht’ger Stärke,
Ein Rittervolk im Abendrot
Der Pyrenäen Berge…)
Jens Schäfer, Barcelona, am 12. März 2005